Die (Un-)Möglichkeit, sich zu beschweren

Das Erleben von Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung im psycho-sozialen Hilfesystem

Im psych­ia­tri­schen und psy­cho-sozia­len Hil­fe­sys­tem sol­len Men­schen mit psych­ia­tri­schen Stö­run­gen Hil­fe und Unter­stüt­zung erfah­ren. Gleich­wohl kön­nen sie sich auch als den Hel­fen­den aus­ge­lie­fert erle­ben: Nicht umsonst unter­such­ten Goff­man und Fou­cault Macht­struk­tu­ren am Bei­spiel psych­ia­tri­scher Ein­rich­tun­gen, und auch nach Psych­ia­trie-Refor­men fin­den sich Betrof­fe­ne im Netz macht­vol­ler Dis­kur­se von Stig­ma, Gesund­heit und Nor­ma­ti­vi­tät wie­der. Dies umso mehr, als dass die Behand­lung mit Über­grif­fen ein­her­ge­hen kann: Sprach­li­che Zuschrei­bun­gen kön­nen ver­let­zen, Hilfs­ge­su­che unge­hört ver­hal­len, Hilfs­an­ge­bo­te die Selbst­be­stim­mung der Betrof­fe­nen ein­schrän­ken. Medi­ka­men­tö­se Behand­lung psy­chi­scher Erkran­kun­gen ist üblich, aber umstrit­ten; in Kri­sen­si­tua­tio­nen kön­nen Zwangs­maß­nah­men ein­ge­setzt wer­den und Betrof­fe­ne, Ange­hö­ri­ge und Mit­ar­bei­te­rin­nen berich­ten immer wie­der über zumin­dest frag­wür­di­ge Zustän­de. Die vor­lie­gen­de Arbeit lie­fert einen Ein­druck davon, was Psych­ia­trie-Erfah­re­ne erle­ben und wel­chen Sinn sie Erleb­tem geben. Es wird unter­sucht: Wohin wen­den sich Psych­ia­trie-Erfah­re­ne in Kon­flik­ten im und mit dem Hil­fe­sys­tem? Wel­che Erfah­run­gen machen sie, wenn sie sich beschwe­ren wol­len? Fin­den sie Gehör und Unter­stüt­zung, wer­den sie ernst genom­men? Und wel­che Bedeu­tung geben sie ihren Erfah­run­gen mit den Mög­lich­kei­ten und Unmög­lich­kei­ten, sich zu beschwe­ren? Fünf Psych­ia­trie-Erfah­re­ne wur­den in teil­nar­ra­ti­ven Inter­views befragt, hin­zu kom­men Frag­men­te von leit­fa­den­ge­stütz­ten Exper­tin­nen-Inter­views mit Tho­mas Bock und Anja Link. Die Inter­views wur­den in Anleh­nung an das zir­ku­lä­re Dekon­stru­ie­ren nach Jaeg­gi aus­ge­wer­tet und vor dem Hin­ter­grund von Stig­ma, Macht­theo­rien, Salu­to­ge­ne­se und Empower­ment ana­ly­siert.
Die Unter­su­chung zeigt: Die Mög­lich­keit, sich zu beschwe­ren, ist wich­tig. Einer­seits sind Betrof­fe­ne ohne Unter­stüt­zung oft nicht in der Lage, ihre Rech­te durch­zu­set­zen. Inso­fern sind Beschwer­de­mög­lich­kei­ten ein uner­läss­li­cher Bestand­teil von Par­ti­zi­pa­ti­on und Empower­ment. Ande­rer­seits wirkt die Mög­lich­keit, sich beschwe­ren zu kön­nen, posi­tiv auf die Betrof­fe­nen: Sie erle­ben sich als selbst­wirk­sam, über­neh­men Ver­ant­wor­tung und begrei­fen sich selbst als gesün­der.
Sowohl die indi­vi­du­el­len Erfah­run­gen der Betrof­fe­nen als auch die von ihnen erleb­ten Struk­tu­ren unter­schei­den sich gra­vie­rend. Inner­halb der erleb­ten Macht­struk­tu­ren füh­len sich die Betrof­fe­nen als Umstän­den, Struk­tu­ren und/oder Per­so­nen aus­ge­lie­fert. Unter­stützt durch eine Beschwer­de­stel­le ver­bes­sert sich ihre Posi­ti­on, Macht­ver­hält­nis­se wer­den rela­ti­viert. Vor die­sem Hin­ter­grund ist zu for­dern, dass unab­hän­gi­ge psych­ia­tri­sche Beschwer­de­stel­len instal­liert wer­den.
Dar­über hin­aus zeigt die Stu­die aber auch die Gren­zen des Beschwe­rens auf: Struk­tu­rel­le Pro­ble­me und Nor­ma­ti­vi­tä­ten blei­ben unhin­ter­fragt und unwi­der­spro­chen. Inso­fern sind Beschwer­de-Mög­lich­kei­ten nur einer, aller­dings ein wich­ti­ger Bestand­teil eines Empower­ments von Men­schen mit Psychiatrie-Erfahrung.

Die­se Bache­lor­ar­beit wur­de vom För­der­preis Bund der Freun­de (ein För­der­ver­ein der TH Nürn­berg) aus­ge­zeich­net! Wir gratulieren!