Die Chronifizierung psychischer Störungen und Interventionsmöglichkeiten der Klinischen Sozialarbeit

Chro­ni­sche psy­chi­sche Stö­run­gen gehen mit einer star­ken Beein­träch­ti­gung des Indi­vi­du­ums und des­sen Umwelt ein­her, die empi­ri­sche Daten­la­ge zum Bedarf und Ver­sor­gungs­stand von Betrof­fe­nen ist jedoch gering. Ätio­lo­gie­kon­zep­te zur Chro­ni­fi­zie­rung bestehen kaum. Wel­che Rol­le Hal­tun­gen und Arbeits­wei­sen im Rah­men der Unter­stüt­zungs­be­zie­hung ein­neh­men, fin­det dabei nahe­zu kei­ne Betrach­tung, obwohl die­se als zen­tra­les Ele­ment für eine gute Behand­lung gel­ten und iatro­ge­ne (durch Behan­deln­de erzeug­te) Ein­flüs­se bei­spiels­wei­se bei der Chro­ni­fi­zie­rung von psy­cho­so­ma­ti­schen Schmer­zen als Risi­ko­fak­tor iden­ti­fi­ziert wer­den konn­ten.
Ziel der vor­lie­gen­den lite­ra­tur­ba­sier­ten Abschluss­ar­beit an der Hoch­schu­le Nord­hau­sen war es daher, die Ent­ste­hung und Auf­recht­erhal­tung chro­ni­scher psy­chi­scher Stö­run­gen unter Ein­be­zug des bio­psy­cho­so­zia­len Modells sowie krank­heits­för­dern­de Hal­tun­gen und Arbeits­wei­sen von behan­deln­den Fach­kräf­ten zu erfor­schen. Dies bil­de­te im nächs­ten Schritt die Grund­la­ge für die Betrach­tung von mög­li­chen Inter­ven­tio­nen und prä­ven­ti­ven Maß­nah­men, um Chro­ni­fi­zie­rungs­pro­zes­se bei Betrof­fe­nen zu
redu­zie­ren oder zu ver­mei­den.
Es konn­ten ver­schie­de­ne bio­psy­cho­so­zia­le Aspek­te her­aus­ge­ar­bei­tet wer­den, die Chro­ni­fi­zie­rungs­pro­zes­se för­dern Bio­lo­gi­sche Kom­po­nen­ten umfas­sen etwa die Dys­ba­lan­ce von Neu­ro­trans­mit­tern oder epi­ge­ne­ti­sche Ver­än­de­run­gen. Psy­chi­sche Kom­po­nen­ten stel­len eine Über­iden­ti­fi­ka­ti­on mit der Stö­rung sowie destruk­ti­ve Glau­bens­sät­ze dar. Krank­heits­för­dern­de sozia­le Bedin­gun­gen kön­nen einer­seits durch struk­tu­rel­le Aspek­te im Leis­tungs­sys­tem und Stig­ma­ti­sie­rung, ande­rer­seits durch inter­per­so­nel­le Schwie­rig­kei­ten wie Bezie­hungs­ver­lus­te, Co-Abhän­gig­keit und psy­cho­so­zia­le Stres­so­ren bedingt sein. Als iatro­ge­ne Beein­flus­sun­gen kön­nen Vor­gän­ge wie die Patho­lo­gi­sie­rung der Per­son, defi­zit­ori­en­tier­te Behand­lungs­mo­del­le oder die Durch­füh­rung krank­heits­fes­ti­gen­den Maß­nah­men iden­ti­fi­ziert wer­den. Ins­be­son­de­re schä­di­gen­des Ver­hal­ten in der Arbeits­be­zie­hung begüns­tigt Chro­ni­fi­zie­run­gen. Neben einer ange­mes­se­nen Bezie­hungs­ge­stal­tung, Psy­choe­du­ka­ti­on, der Stei­ge­rung sozia­ler Fer­tig­kei­ten sowie der För­de­rung von Auto­no­mie und
Par­ti­zi­pa­ti­on in ver­schie­de­nen Kon­tex­ten, kön­nen auch sozio­the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­men posi­tiv Ein­fluss neh­men. Bio­gra­fie- und Iden­ti­täts­ar­beit ermög­licht die Ver­än­de­rung patho­lo­gi­scher Krank­heits­iden­ti­tä­ten, wäh­rend struk­tu­rel­le Ände­run­gen etwa im Rah­men von Ver­bands- und ent­stig­ma­ti­sie­ren­der Arbeit erreicht wer­den können.


Die her­aus­ge­ar­bei­te­ten Mecha­nis­men und Wech­sel­wir­kun­gen bil­den eine ers­te Grund­la­ge, um Chro­ni­fi­zie­rungs­pro­zes­se bio­psy­cho­so­zi­al zu erklä­ren und den eige­nen Bei­trag als pro­fes­sio­nel­le Fach­kraft zu hin­ter­fra­gen. Auch die behan­del­ten Inter­ven­ti­ons­mög­lich­kei­ten kön­nen Anre­gung für die
Arbeit mit Betrof­fe­nen geben. Den­noch ist die Aus­ar­bei­tung nicht als abschlie­ßen­de Auf­zäh­lung zu betrach­ten und die vor­ge­stell­ten Aspek­te bedür­fen wei­te­rer empi­ri­scher For­schung, um das Ver­sor­gungs­sys­tem för­der­li­cher zu gestalten.