Bindungsorientierung in der psychosozialen Praxis mit Menschen mit geistiger Behinderung

Die vor­lie­gen­de Ver­öf­fent­li­chung nimmt die The­ma­tik der pro­fes­sio­nel­len Bezie­hungs­ge­stal­tung mit Men­schen mit geis­ti­ger Behin­de­rung im Rah­men Kli­ni­scher Sozi­al­ar­beit in den Fokus. Dabei wird davon aus­ge­gan­gen, dass Bin­dung als zen­tra­ler Aspekt der Bezie­hungs­di­men­si­on von hoher Rele­vanz ist und ent­lang die­ser Über­le­gun­gen die Fra­ge­stel­lung, inwie­fern psy­cho­so­zia­le Fach­kräf­te ein bin­dungs­ori­en­tier­tes Vor­ge­hen in Unter­stüt­zungs­pro­zes­sen von erwach­se­nen Men­schen mit geis­ti­ger Behin­de­rung umset­zen, theo­re­tisch und empi­risch unter­sucht. Dazu wer­den im Rah­men eines halb­struk­tu­rier­ten Vor­ge­hens mit drei Fach­kräf­ten pro­blem­zen­trier­te Inter­views geführt und einer qua­li­ta­ti­ven Inhalts­ana­ly­se zuge­führt.

Siche­re Bin­dung als Grund­la­ge: Hel­fen­de Bezie­hun­gen im Rah­men psy­cho­so­zia­ler Unter­stüt­zungs­pro­zes­se von Men­schen mit geis­ti­ger Behin­de­rung haben den Cha­rak­ter von Bin­dungs­be­zie­hun­gen und die Erfah­rung einer siche­ren Bin­dung ist von grund­le­gen­der Bedeu­tung sowohl für die Bewäl­ti­gung von Belas­tungs­si­tua­tio­nen als auch für Ent­wick­lungs­pro­zes­se. Die Ergeb­nis­se wei­sen auf eine Erwei­te­rung des bin­dungs­theo­re­ti­schen Kon­zepts der siche­ren Basis hin, indem sich zusätz­lich zur Fach­kraft die Wohn­ge­mein­schaft als Gan­zes als siche­re Basis für Kli­en­tIn­nen dar­stel­len kann. Metho­den: Eine dem Kon­zept der Fein­füh­lig­keit fol­gen­de Inter­ak­ti­ons­ge­stal­tung ist im Rah­men von bin­dungs­ori­en­tier­ten Unter­stüt­zungs­pro­zes­sen über deren gesam­te Zeit­span­ne von außer­or­dent­li­cher Bedeu­tung. Fein­füh­lig­keit stellt sich so als Schlüs­sel­va­ria­ble zum Auf­bau einer siche­ren Bin­dung und für Ver­trau­ens­bil­dung dar. Zusätz­lich kann ein kau­sa­ler Zusam­men­hang zwi­schen der Fein­füh­lig­keit der Fach­kraft und in der hel­fen­den Bezie­hung ver­mit­tel­ten kor­ri­gie­ren­den Bin­dungs­er­fah­run­gen ver­mu­tet wer­den. Als wich­ti­ge Vor­aus­set­zung ins­be­son­de­re für die fein­füh­li­ge Inter­ak­ti­ons­ge­stal­tung im Rah­men bin­dungs­ori­en­tier­ter Pra­xis stellt sich eine selbst­re­fle­xi­ve Hal­tung der Fach­kräf­te dar. Struk­tu­rel­le Rah­men­be­din­gun­gen: Insti­tu­tio­nel­le Struk­tu­ren, die – wie auch in traum­a­päd­ago­gi­schen Kon­zep­ten gefor­dert – nicht nur Kli­en­tIn­nen Sicher­heit geben, son­dern auch Fach­kräf­ten einen siche­ren Hand­lungs­rah­men bie­ten, sind für eine bin­dungs­ori­en­tier­te Pra­xis von hoher Bedeu­tung.

Indem die Unter­su­chung mit die­sen Ergeb­nis­sen die hohe Rele­vanz einer bin­dungs­ori­en­tier­ten Pra­xis mit Men­schen mit geis­ti­ger Behin­de­rung auf­zeigt, leis­tet sie einen Bei­trag zum Aus­bau die­ser wis­sen­schaft­li­chen Begrün­dungs­ba­sis und damit zur wei­te­ren Pro­fes­sio­na­li­sie­rung psy­cho­so­zia­ler Pra­xis. Dies ist beson­ders vor dem Hin­ter­grund der bestehen­den Dis­kre­panz zwi­schen der Rele­vanz einer bin­dungs­ori­en­tier­ten Pra­xis mit Men­schen mit geis­ti­ger Behin­de­rung auf der einen Sei­te und des für die­se Ziel­grup­pe als rudi­men­tär zu bezeich­nen­den For­schungs­stan­des auf der ande­ren Sei­te wich­tig. Auf Grund­la­ge der For­schungs­er­geb­nis­se wer­den Impli­ka­tio­nen für die psy­cho­so­zia­le Pra­xis kli­nisch ori­en­tier­ter Sozi­al­ar­beit mit Men­schen mit geis­ti­ger Behin­de­rung for­mu­liert.